Türen statt Traumata

Foto: Stefan Franzen

Der ägyptische Sänger Abdullah Miniawy schlägt mit seinem Trio eine Brücke zwischen sakraler Sphäre, Avantgarde und Jazzimprovisation. Zu entdecken ist er als Auftakt zum fünfjährigen Jubiläum der Reihe Listen! in der Kaserne Basel.

“Musik kann ein Mittel der Verkündigung sein. Sie dient nicht nur dem Vergnügen.” Was er da sagt, glaubt man Abdullah Miniawy sofort, sobald man ihn auf der Bühne erlebt. Verzückt schaut er nach oben, schließt die Augen zu einem schmerzlichen Ausdruck, macht eine beschwörende Geste, legt die Hände auf sein Herz, reckt sie nach oben wie zu einem Gebet. Sein Gesang umschließt ruhige Rezitation, ein fast fauchend ausgestoßenes Flehen, nasale Melismen in hohen Lagen, triumphales Falsett. Es ist ein Konzerterlebnis, das ihn selbst auch physisch fordert und niemanden unberührt lässt. Miniawy erinnert sich: „Nach einem Auftritt kam einmal eine Frau zu mir und sagte; ‚Du solltest zu einem Therapeuten gehen – das wird deiner Kunst helfen.‘ Sie hörte so viel Schmerz in meiner Stimme, dass sie annahm, ich hätte etwas sehr Schlimmes durchgemacht. Aber darum ging es überhaupt nicht. Bei dem, was ich tue, geht es nicht um Traumata. Es geht um das Kanalisieren, darum, diese Tür zu öffnen und etwas hereinzulassen.“

Die Musik trat während des „arabischen Frühlings“ in sein Leben. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo wandte er sich mit einer Mischung aus Rap und Slam Poetry gegen Staat und Kirche, wurde zu einem der Stars der protestierenden Jugend. „Die Revolution hat mir gezeigt, wie mächtig Worte sein können. Ich habe ich das Gefühl, dass mir diese Gabe zuteilwurde, und sie treibt mich immer noch an“, sagte er dem Portal Struma+Iodine. Seinen Vokalstil entwickelte er völlig frei, statt einer Gesangsausbildung war es die Mutter, die ihn mit ihren spontanen Improvisationen anregte. Vom Vater dagegen kam die strenge Disziplin, die er als Workaholic in seiner musikalischen Arbeit umsetzt.

Die Ausrichtung seiner Live-Shows ändert sich von Programm zu Programm grundlegend. Miniawy entwirft Musik fürs Theater, für Tanz-Projekte und Ausstellungen, und er arbeitet seine eigene Prosa mittlerweile auch zu Kurzgeschichten aus. In Basel eröffnet er die seit fünf Jahren etablierte Reihe „Listen!“ der Kaserne, die experimentelle, elektronische und avantgardistische Klangkunst kuratiert. Der aktuellen Bühnenshow liegt die CD „Peacock Dreams“ zugrunde, die eine ungewöhnliche Besetzung mit zwei Posaunen (Jules Regard und Jules Boittin) in den Fokus rückt. Er rekurriert dabei auf die Musik des Barock und die der koptischen Christen, schaffte eine geradezu sakrale Atmosphäre. „Ich liebe Kirchenmusik und viele Komponisten, die sich mit dem zeitgenössischen ‚Kirchenklang‘ beschäftigen wie Arvo Pärt. Aber ich höre mir auch den Koran an oder Sufi-Musik aus Ägypten. Und dann gehe ich wieder in eine totale Rap-Phase über.“ All das findet sich in der Musik seines Trios zu einem genauso spirituellen wie expressiven Klangraum verdichtet. Und selbst wenn man seine arabische Poesie überhaupt nicht versteht, lassen sich die Inhalte anhand seiner Mimik und Gestik lebendig nachvollziehen.

© Stefan Franzen, dieser Artikel erschien erstmalig auf badische-zeitung.de

Konzert: Kaserne Basel, 24.9., 21h.
Weitere Termine der Reihe Listen!: kaserne-basel/de/listen!

 

Beherzte Kämpferin: Zum Tod von Maria Helena Afonso

Foto: privat

Letzte Woche erreichte mich eine sehr traurige Nachricht: Maria Helena Afonso, die Tochter des portugiesischen Liedermachers José „Zeca“ Afonso, ist nach langer Krankheit verstorben. Die Bekanntschaft mit Lena zählte für mich zu den eindrücklichen, anregenden und herzenserwärmenden Begegnungen der letzten Jahre. Das Erbe ihres Vaters, bis heute musikalische Nationalikone der Nelkenrevolution Portugals, hat sie auch Jahrzehnte nach seinem Tod mit ihrer engagierten, kämpferischen und liebenswürdigen Art für viele lebendig erhalten und die Bedeutung seines Schaffens für unsere Zeit herausgearbeitet.

2021 begann die portugiesische Plattenfirma Mais 5 mit ihrem Chef Nuno Saraiva, das Werk José Afonsos neu aufzulegen und damit für eine neue Generation zu erschließen. Lena selbst und ihre Halbgeschwister Pedro und Joana unterstützten das Vorhaben. Vom Schweizer Radio SRF 2 Kultur bekam ich das OK, eine 60minütige Sendung in der Reihe „Passage“ über Afonso zu produzieren. Wer könnte mir helfen, diese Sendung mit O-Tönen lebendig zu gestalten? Ich erfuhr, dass Afonsos Tochter Helena schon lange in Berlin lebte. Als Familienmitglied würde sie eine politische und persönliche Zeitzeugin aus erster Hand sein. Über die deutsche Mais 5-Promoterin Constanze Pfeiffer konnte ich schnell einen Kontakt herstellen und Helena war sofort bereit für ein Interview.

In Berlin traf ich im Herbst 2022 auf eine sehr sympathische, offene und hellwache Frau. Während eines mehrstündigen Interviews in einem unbeheizten Studio ließ sie die Biographie ihres Vaters so lebendig vor meinen Augen und Ohren erstehen, dass ich mich fühlte, als erlebte ich die 1960er und 1970er live mit. Lena, die ihren Vater wie alle Portugiesen schlicht „Zeca“ nannte, charakterisierte ihn so: „Er war tatsächlich immer in Bewegung, immer am Laufen, ein unruhiger Geist, er hatte das ganze Land kennengelernt, Norden, Süden, zum Schluss den Algarve. Er wollte einfach zeigen, dass das Land einen sehr unterschiedlichen Reichtum an traditioneller, an ethnischer Musik hatte und nicht nur den Fado als Export.“ Sie entwickelte seine gesamte bewegte Vita für mich, von seinen frühen Reisen im Land, wo er Musik aus allen Traditionen sammelte hin zu seiner Zeit in Angola, wo er als Lehrer von der Geheimpolizei überwacht wurde.

Vor allem aber zog mich Lena mit ihren hautnahen Schilderungen über die letzten Tage der Diktatur in den Bann, und die Rolle, die der hochpolitische José Afonso mit seinen kritischen, metaphernreichen Liedern im Widerstand spielte, der am 25.4.1974 zum Sturz des faschistischen Regimes führte. „Die Macht seiner Musik war nicht zu kontrollieren, trotz strengsten Verbots und Zensur“, sagte sie. Sie verschwieg auch nicht, wie er einige Jahre nach der Nelkenrevolution enttäuscht von den politischen Entwicklungen war, trotzdem gegen die Apathie ankämpfte. „Gegenüber uns Kindern hat er gesagt: Sucht keine Entschuldigungen, um nichts zu machen! Tatsächlich hat er bis zu seinem Tod immer, immer den Mund aufgemacht, bis es ihm seine Krankheit nicht mehr erlaubte.“

Auch Lena, die seit einigen Jahren unter schwerer Krankheit litt, hat weiterhin den Mund aufgemacht, versuchte mit Kontakten in die Kultur- und Theaterwelt, in der Zusammenarbeit mit Fernsehsendern und dem Goethe-Institut Lissabon immer noch etwas zu bewegen in einem Portugal, das nun auch wieder nach rechts driftet. Sie war für ihre letzte Lebensphase zurückgekehrt, und auf dem Weg dorthin durfte ich sie auf der Durchreise in Freiburg nochmals treffen. Wir konnten bei einer vietnamesischen Suppe an unsere telefonischen Diskussionen anknüpfen. Lena war aufgebracht und erschüttert über die neuen faschistischen Umtriebe in Portugal und Europa, über den Gaza-Krieg, über die Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit vieler Menschen. Aber sie hatte auch Hoffnung, das Zecas Erbe weiter einen Beitrag zu einer friedvollen Zukunft leisten kann: „Zeca ist eine Figur, die in den Geschichtsbüchern steht, das heißt, sie lernen in der Schule über Zeca. Und viele haben Eltern, die eine große, große Verbindung zu Zeca haben. Großeltern, Väter und Mütter erzählen ihren Kindern von ihm. Viele neue Musiker entdecken mit Begeisterung Zeca. Da habe ich keine Angst davor: Die Musik wird bleiben.“

Die Serie der Wiederveröffentlichungen der José Afonso-Werke auf Mais 5 war noch nicht lange abgeschlossen, als die Meldung von Lenas Tod kam. Mit ihr, genau wie mit ihrem Vater, haben wir einen Menschen verloren, der mahnend und beherzt für ein lebenswertes, humanistisches Umfeld der Vielfalt und Gleichheit für alle eintrat. In der Welt des Jahres 2026 wird Lena uns schmerzlich fehlen.

Stefan Franzen

Die SRF 2 Kultur-Sendung mit Maria Helena Afonso zum Nachhören:
José Afonso – musikalischer Pionier zwischen Poesie und Politik – Audio & Podcasts – SRF

José Afonso: „Venham Mais Cinco“ (ao vivo no Coliseu)
Quelle: youtube

Stimmen der Widerstandskraft

In den letzten Jahren hat die iranische Ethnomusikologin und Kuratorin Yalda Yazdani etliche Projekte mit nahöstlichen Musikerinnen aufgegleist: Beginnend mit „Female Voices Of Iran“ porträtierte sie Künstlerinnen aus dem persischen, kurdischen und afghanischen Kulturraum in aufwendigen Dokumentarfilmen und organisierte Konzerte. Nun schlägt Yazdanis ein neues musikalisches Kapitel auf, das stilistische Barrieren überspringt. Mit dem Kölner Gürzenich-Orchester unter der Leitung der Südkoreanerin Juya Shin präsentiert sie am 26. September in der Kölner Philharmonie das Programm Female Voices Of Resilience.

Yazdani hat hierfür vorrangig iranische Sängerinnen zusammengestellt, die ihr Land verlassen haben, nachdem die Proteste infolge des Mords an Jina Mahsa Amini eine Welle an Gewalt durch das Mullah-Regime gegen die Zivilbevölkerung ausgelöst hatten. Erstmals stehen diese Frauen nun gemeinsam außerhalb des Irans auf einer Bühne. Das Konzert zeigt zugleich die vielen stilistischen und regionalen Facetten der iranischen Musik, von aserbaidschanischen und kurdischen Einflüssen über qaschqaische und belutschische Musik bis hin zu zeitgenössischen Formen.

Die Stimmen und traditionellen iranischen Instrumente des Inner Unity Ensembles mit Kamancheh, Oud und Santur treffen auf das Sinfonieorchester. Mit dabei sind Foroogh Fazli, Ghazaal Ansarirad, Mahya Hamedi, Sanam Maroufkhani, Hura Mirshekari, Maliheh Moradi, Mina Deris, Samin Ghorbani und Hani Mojtahedy. Die Arrangements haben Matthias Kaufmann und der international bekannte Jazzgitarrist Mahan Mirarab geschrieben.

 

Lauschpfad rund ums Chellenchöpfli

Seit 36 Jahren eine feste Adresse für unerhörte Klänge: Das Festival Neue Musik Rümlingen lotet aus, was passiert, wenn Landschaft und Musik im Miteinander tönen, wenn Topographie auf Akustik trifft und sie sich durchwirken. In diesem Jahr war das Gebiet um die Orte Langenbruck und Reigoldswil im Kanton Baselland (Be-)Spielplatz. Am zweiten der drei Tage unternahm der Musiker- und Publikumstross eine Klangwanderung namens „Transit“ von Reigoldswil hinauf zum Chellenchöpfli und wieder hinunter nach Langenbruck. Mit dabei Bläser und Schlagwerker der Basler Sinfonietta.

Schon beim Einschweben mit der Gondel umfingen einen mit den Seilbahnpfeilern dialogisierende „Beep Devices“. Für „La Montaña de los Presentes“ ließ Komponist Fernando Manassero Musiker auf dem Hang postieren, die sich über weite Strecken mit Liegetönen und Signalphrasen „zuriefen“. Das quietschende Viehgatter nahm dabei eine ungeplante (!?) synkopische Funktion ein.

Mit einem auf der Wiese installierten Memento Mori für die Zugvögel erinnerte Lukas Berchtold an die ökologischen Herausforderungen unserer Ära.

Alexandre Babel verfolgte mit „Time Up/Side Down“ auf der Gipfelweide eine ähnliche Philosophie wie Manassero und ließ Musiker in einer 360-Grad-Aufstellung über Funkuhr agieren. Heranholen konnte man sich die weit auseinandertönenden Klänge mit Fabrizio Di Salvos 3D-Drucker-Kopfhörern aus Zuckerstärke, Maismehl und Holz mit beweglichen Ohrmuscheln.

Ane Marthe Sørlien Holen ließ Sound Creatures wie Fabelwesen durch den dunklen Tann tollen, während Sasha Katsalap auf einer Lichtung ihre Klangstab-Installation „Cratylus“ schimmern ließ.

Am Ende warteten Paul Ragaz und Johanna Hämmerli an einem Bachlauf mit einem Duo aus Drehorgel und Kontrabassflöte auf, dass sich rauschhaft profund in die Senke einfügte.

                                              Fotos: Stefan Franzen, Markus Kurz, Manuel Braun

 

 

 

Radiotipp: SWR Musikstunde – Klassik Global

SWR Musikstunde
Klassik Global – Weltgewandte Dialoge
17. – 21.08.2026, 09h05 – 10h00

Klassische Musik hat längst ihre Scheuklappen gegenüber anderen Musikgenres abgelegt und viele Fenster zur Welt geöffnet. Und herein weht frischer Wind: Symphonisches aus Afrika, Tondichtungen über indigene Rituale, virtuose Konzerte für Instrumente der Weltkulturen, Kammermusik mit Folklore-Färbung, Wiener Romantik mit der Würze der Roma-Musik, Indiepop-Musiker als Schöpfer von Opern. Viele dieser globalen Öffnungen knüpfen an eine Zeit an, als Komponisten im Austausch mit Volksmusik standen, von der Barock-Ära bis zu Franz Schubert und Anton Bruckner. Eine Woche voller weltgewandter und unerwarteter Dialoge.

Nach der morgendlichen Erstausstrahlung werden die Sendungen ein Jahr lang auf der SWR-Seite, in der SWR App und auf ARD Sounds zur Verfügung stehen.

Adolfo Mejía: „Cumbia“
Quelle: youtube

Sechzehn Jahre gereift

Seu Jorge
The Other Side
(Amor In Sound)

Whisky reift sechzehn Jahre. Aber ein Album? Klingt rekordverdächtig, doch die lange Entstehungsgeschichte hat sich gelohnt: „The Other Side“ (Amor In Sound), das neue Werk des Brasilianers Seu Jorge, ist ein ganz großer Wurf, der auch einen großflächigen Sound braucht. Der Engländer sagt „cinematic“ dazu, und das passt ja auch bei diesem Mann, der seit seiner Rolle in „Cidade De Deus“ (2002) mindestens ebenso Leinwandheld wie Musiker ist. „The Other Side“ entstand in L.A. im engen Austausch mit Produzent Mario Caldato Jr. (Beastie Boys) und ist getränkt von einer süffigen, räumlichen Streicher-Ästhetik, wie sie ihn in den 1970ern in Brasilien etwa ein Artur Verocai gepflegt hat.

Vom ersten Moment mit „Crença“ wird man in diese Traumsphäre hineingezogen, wenn Seu Jorge zu schwülen Geigenoktaven und Orgel-Hicksern seinen charismatischen Reibeisen-Bariton ins Spotlight stellt. Aus der träumerischen Herbsthymne „Vento De Maia“, ein Duett mit Maria Rita, der Tochter von Elis Regina, die es einst selbst sang, wird ein erschütterndes Drama, flankiert von flirrenden Tremoli und Bläserfanfaren. Den einstigen Psychedelic-Soulkracher „Girl You Move Me“ wandelt er zu balladesker Orchestergrandezza. Leichtfüßig tänzelnde

Samba-Interludien wie etwa „Quando Chego“ mit Marisa Monte bilden das notwendige Gegengift zum Breitwandigen. Ein klein wenig beliebig mit Sonnenuntergangs-Romantik wird es ausgerechnet mit Gastsängerin Marie Deaulne von Zap Mama – was aber wieder wettgemacht wird durch die coole Erotik-Bossa an die „Beleza Bárbara“, demütiges Bekenntnis eines Verfallenen.

© Stefan Franzen

Seu Jorge: „The Other Side“
Quelle: Bandcamp

 

Zu früher Abschied eines Trösters

Foto: Sven-Sebastian Sajak, Creative Commons

Mit Tränen in den Augen stand ich ziemlich genau vor 10 Jahren in einem Park eines großen deutschen Musikfestivals und hörte dem finalen Künstler zu. Eine Herzensangelegenheit war nicht gut ausgegangen, das hatte sich erst ganz frisch wie Blei auf die Seele gelegt. Doch ich hatte Glück: Für mich – und für ein paar Tausend andere – stand der beste Tröster gebrochener Herzen auf der Bühne, den man sich denken kann. Heute Morgen ist dieser Mann nun gestorben, mit nur 56 Jahren, bei einem Verkehrsunfall bei Dublin. Ein Schock, der noch in mir steckt.

Glen Hansard nahm ich zum ersten Mal wahr, als er noch eine lange rote Lockenmähne hatte, ohne überhaupt seinen Namen zu kennen. Er war 1991 der Rhythmusgitarrist der Commitments. Die Geschichte über diese einzigartige Soulband aus Dublin haben wir als Studenten gefühlte mehrere hundert Male im Uni-Kino gesehen. Später, jetzt schon mit kürzeren Haaren und Bart, war er im Streifen Once – wie in seiner eigenen Biographie – der Straßenmusiker auf der Grafton Street, auf der ich selbst in den Neunzigern lauschend so manche folkverrückte Stunde während Interrail-Touren verbracht habe. Die Pärchengeschichte mit der Tschechin Markéta Irglová fand ich etwas gewollt LowFi-kitschig, den Hit daraus, „Falling Slowly“ eher weinerlich. Und ganz ehrlich: Er war wirklich schrecklich weinerlich.

Doch dann schloss sich Hansards Solo-Karriere an, und auf fünf Platten verband er seine soulig-bluesige Grundtendenz mit feinsten  folkigen Songwriting-Künsten und grandiosen Rock-Ausbrüchen zu einer fantastischen Klangsprache. Spätestens seit dem zweiten Album Didn’t He Ramble (2015) war ich im verfallen. Mit einer Stimme, wie sie in ihrer bärbeißigen Verletzlichkeit wohl nur aus einer irischen Kehle kommen kann, sang er von geographischer und gefühlsmäßiger Rastlosigkeit, vom Hoffen auf Herzwärme für alle Enttäuschten, vom Heilen durch Zeit für alle Geduldigen. Und das manchmal mit Spott und sanftem Sarkasmus, viel öfter aber mit tiefem Mitgefühl, etwa in seinem Magnum Opus aller Zeiten, „My Little Ruin“, seine Hymne auf einen Freund, der die Scheiße einfach immer wieder zuverlässig magisch anzieht.

In meiner Rezension des Albums Between Two Shores schrieb ich 2018: „Wenige … finden so treffende Worte für das, was ein Mann fühlt, wenn er auf dem Abstellgleis der Gefühle darbt. Vier Textzeilen reichen ihm aus, um in „Wreckless Heart“ das ganze Drama des Verlassenseins zu skizzieren, und die Horns sind dabei seine Trauerkapelle. In der großartigen Hymne „Heart‘s Not In It“, die sich mit leuchtenden Streichern immer räumlicher entfaltet, fordert er verzweifelt mehr Engagement von ihr und das Ende halber Sachen. Selbstironisch gibt er in „Lucky Man“ zu swingendem Bläsersatz zu, dass die Verflossene immer noch eine erotische Faszination auf ihn ausübt, und er wünscht seinem Nachfolger viel Glück, denn auch er wird sie nicht auf Dauer binden können.“

Hansard selbst hatte vor kurzem dauerhafte Bindung gefunden, 2022 war er Vater geworden. Umso tragischer in diesem späten Familienglück nun sein früher Unfalltod. Da wiegt es im Vergleich unendlich weniger schwer, dass er uns nun live nicht mehr trösten kann (mein letzter Konzertbesuch mit meinem guten Kumpel HP liegt bereits achteinhalb Jahre zurück), uns bleiben seine Werke. Der zurückbleibenden Mutter und seinem kleinen Sohn schicke ich Kraft und Licht. An diesem Hitzetag ist es mit seinem Tod der Musikwelt merklich klammer ums Herz geworden.

© Stefan Franzen

Glen Hansard: Live In Rudolstadt 2016
Quelle: youtube

Weltreise in der Provence

Klangvolle Tage und Nächte in Arles.

Während bei uns die Fenster zur Welt auf den Sommerfestivals immer kleiner, teils sogar geschlossen werden – eine beunruhigende Entwicklung gerade in der gegenwärtigen politischen Klimakatastrophe – setzt die große Kulturnation Frankreich weiterhin auf denkbar größte Offenheit.

Zum Beispiel beim Festival Les Suds: Dort hat man den Luxus, neben etlichen kleinen Plätzen und Gärten in der Stadt ein antikes römisches Theater zu bespielen. Und das gab es unter anderem zu entdecken: Marokkanische Berbergesänge über tunesischen Beats mit Aïta Mon Amour, abgelöst durch den Raï-Star Sofiane Saidi, der die algerisch-französische Schauspielerin und Sängerin Camélia Jordana einlud.

Der kommende Star der Música Popular Brasileira, Mari Froes aus Goiás mit ihrem sanften Alt und gezügeltem Akustik-Samba, gefolgt von Malis Vorkämpferin für Frauenrechte, Fatoumata Diawara, die mit ihrer selbstdesignten Epiphone-Gitarre eine knackige Rock-Show leider in einem „Imagine“- und „No Woman No Cry“-Medley enden ließ.

Irre madagassisch-französische Polyrhythmik mit Bobo & Behaja und ein zur Gospelpredigt mutiertes Interview mit dem Jazzsaxophonisten Jowee Omicil. Das iranisch-libanesisch-albanische Trio L’Antidote zwischen Tradition und pianistischem Neoklassik-Klanggewitter und den Perkussionskünsten von Bijan Chemirani. Und schließlich der 84-jährige katalanische Gamben-Altmeister Jordi Savall, der in dieser traumhaften Kulisse mit dem Ensemble Hesperion XXI seine musikalische Stadtgeschichte Istanbuls ertönen ließ. Einige Fotoeindrücke.

alle Fotos © Stefan Franzen

Kapitänin statt Meerjungfrau

Sílvia Pérez Cruz
Oral_Abisal
(Sony)

Mit Oral_Abisal macht die katalanische Sängerin Sílvia Pérez Cruz das Album-Dutzend voll. Auch das neue Werk ist wiederum ein Konzeptalbum, das sich mit dem Gegensatz zwischen himmlischer Sphäre und maritimem Abgrund befasst, zwischen menschlicher Wärme und der Kälte des Todes. Noch einmal erweitert diese Jahrhundert-Stimme das Ausdrucksspektrum ihres Ensembles. Erstmals arbeitet sie mit einem Trio von Querflöten und Waldhörnern, die in „Líquido“ effektvoll wie eine alpine Trauerkapelle tönen. Dazu treten die wohlvertrauten warmen Streichertrio-Farben als Antagonisten.

Marta Roma, Bori Albero, Sílvia Pérez Cruz, Carlos Montfort im Jardin des Tuileries; Paris 19.7.2026,
Foto: Stefan Franzen

Leichte Tanzhaftigkeit und eine unverkennbare Liebe zu Brasilien sind Thema in „Moreno“, sogar eine Bossa-Miniatur im Stil von João Gilberto flicht sie ein. Eine Exkursion ins Reich der indigenen Musik der Arhuacos Nordkolumbiens bringt Erdigkeit in dieses insgesamt eher ätherische Album. Das trotzdem in den Liedern übers Meer seine stärksten Momente erreicht: „Mar De Na Catalina“ hat mit seinem freien Flow die Kraft einer mythischen Erzählung, und „Capitana“ ist eine atemraubende Hymne über weibliche Selbstermächtigung, die die Zeiten überdauern wird. Kapitäninnen sollten die Frauen werden, und nicht Meerjungfrauen bleiben, so Pérez Cruz über dieses Lied, das sie ihrer Tochter gewidmet hat.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Capitana“
Quelle: youtube