Die schnellsten Hände der Welt


An Ostern startet das Festival Tamburi Mundi im E-Werk Freiburg in eine neue Ausgabe unter dem Motto „Simplicity“. Stargast ist der iranische Meistertrommel Mohammad Reza Mortazavi. Dem Mann aus Freiburgs Partnerstadt Isfahan, der schon lange in Berlin lebt, wird seit langer Zeit schon attestiert, er habe „die schnellsten Hände der Welt.“ Antworten von einem der führenden Perkussionisten unserer Zeit.

Mohammad, wer waren deine Lehrer, wem hast du am meisten zu verdanken, sowohl iranischen als auch internationalen Meistern?

Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu musizieren, und mein Hauptlehrer war Hosseinpour Abutaleb, wobei ich auch einige Zeit bei Majid Hesabi Unterricht hatte. Meine ersten Lektionen erhielt ich nach der üblichen, traditionellen Methode. Doch im Laufe der Jahre, nach über 40 Jahren Spielen, habe ich erkannt, dass mein wahrer und ewiger Lehrer die Musik selbst ist – und es immer sein wird.

Wie unterscheidet sich dein Spiel auf der Rahmentrommel von der traditionellen Spielweise? Kannst du zwei bis drei Beispiele geben, welche Innovationen du für Daf und Tombak entwickelt hast?

Wie beim Tombak hat sich auch mein Spiel auf der Daf verändert, denn alles hängt in erster Linie von der Sichtweise und Konzentration des Spielers ab. Da mein Fokus und meine Aufmerksamkeit seit meiner Kindheit auf der Musik und nicht nur auf dem Instrument lagen, hatte ich die Möglichkeit, ohne jeglichen Druck, neue Techniken zu entwickeln. Musik ist unbegrenzt, kann aber ein begrenztes Instrument in ihre Unendlichkeit integrieren. Ein Beispiel dafür ist das gleichzeitige Spiel von poly-rhythmischen und polyphonen Strukturen auf diesen Instrumenten.

Gibt es noch traditionelle Rhythmen als Basis deiner Stücke oder hast du dich vollständig von ihnen gelöst?

Natürlich habe ich keinen Dogmatismus, dass traditionelle Rhythmen unbedingt gespielt werden müssen. Doch wenn es nötig ist, und diese Rhythmen tief in mir verwurzelt sind, nutze ich ihre Schönheit. Es sei darauf hingewiesen, dass das, was heute neu ist, wenn es wirklich neu ist, eines Tages zur Tradition werden kann. Wenn das, was wir als Tradition definieren, tief in uns verankert ist, verändert es automatisch seine Form. Aus dieser Perspektive war Dogmatismus gegenüber traditionellen Regeln für mich niemals akzeptabel. Aus einer anderen Sicht ist Musik Liebe, und Liebe kennt keine Grenzen.

Hast du die Techniken oder auch die Instrument selbst weiter entwickelt, oder arbeitest du mit einem bestimmten Instrumentenbauer zusammen?

Aufgrund meiner inneren Leidenschaft seit der Kindheit und aus der Verbindung zwischen emotionaler Wahrnehmung und Ekstase habe ich viele Techniken entwickelt. Dieser Prozess entstand ganz natürlich, von selbst und gewissermaßen selbstverständlich. Ich arbeite nicht mit einem bestimmten Instrumentenbauer zusammen. Viele der Instrumente, die ich in den Arm nehme, sind wertvolle Geschenke von verschiedenen Instrumentenbauern. Jedes Instrument ist – wie jeder Mensch – einzigartig und gibt mir unterschiedliche Inspirationen und Ideen für das Komponieren und Spielen.

Du hast den Iran verlassen, weil dein Spiel gegen die Regeln war. Was genau kritisierte man an deinem Spiel?

Da meine Musik mich über Grenzen hinausgeführt hat, gab es einerseits ein Publikum, das sehr glücklich über die neue Spielweise war, die sich gerade entwickelte und im Prozess der Weiterentwicklung befand. Andererseits wurde ich gleichzeitig von den meisten traditionellen Musikern und Meistern kritisiert – bis hin dazu, dass ich keine Genehmigung für meine Konzerte erhielt. Das geschah, obwohl ich wiederholt den ersten Preis beim nationalen Musikfestival im Iran gewonnen hatte. Damals war ich noch ein Kind bzw. Jugendlicher. Meine heutige Sicht auf Musik hat keinerlei Bezug mehr zu Wettbewerb – für mich ist alles relativ geworden.
Wichtig ist, dass mein Hauptproblem nicht nur die Regierung war, sondern auch eben jene traditionellen Meister, die einerseits unter jungen Menschen einen Anspruch auf Aufgeklärtheit erhoben, andererseits jedoch das Wachstum und die Innovation von Künstlern behinderten, deren Wege sie nicht befürworteten.
Außerdem ist es wichtig zu erwähnen, dass vor der Islamischen Revolution bereits eine kulturelle Revolution stattfand, die nach der Islamischen Revolution von diesen Künstlern unterstützt wurde. Doch Gesellschaft und Geschichte sind wach. Letztendlich bin ich sehr dankbar für all diese negativen Kritiken und für das Ausgeschlossenwerden in der Zeit, als ich im Iran lebte, denn genau das führte zu meiner Weiterentwicklung und zur Formung meines eigenen Spielstils – bis zu dem Punkt, an dem ich den Iran sowohl physisch als auch innerlich verlassen habe.

Was war das Wichtigste, was du nach deiner Emigration im Westen gelernt hast für die Weiterentwicklung deiner Musik?

Dass es überall Grenzen gibt und das Verständnis, dass Musik die vollkommenste Sprache ist.


Das Stück „Zendegi“ auf deiner neuen CD „Nexus“ („Verbindung“) ist inspiriert von der Frauenbewegung „Woman. Life, Freedom“. Es hat eine eher dunkle Atmosphäre. Erinnerst du damit an die mutigen Frauen?

Dieses Stück habe ich zu der Zeit komponiert, als diese Bewegung entstand, aber ich habe es nicht veröffentlicht, bis es mit dem Konzept des Albums „Nexus“ in Einklang stand.

Auch andere Stücke sind eher dunkel, wie zum Beispiel „Cendres Volantes“, wo im Hintergrund seufzende Frauenstimmen zu hören sind. Was war die Inspiration für dieses Stück?

Dieses Stück habe ich für einen Teil einer Oper in Frankreich komponiert, für eine Szene, die sich von Dunkelheit ins Licht bewegen sollte.

Die Musik ist teilweise experimentell und auch elektronisch gestützt. Wie lässt sich das auf der Bühne umsetzen? Arbeitest du mit einer Loop-Station?

Zurzeit komponiere ich meine Werke im Multitrack-Verfahren und akustisch-elektronisch. Auf der Bühne werden sie jedoch nur als Solo aufgeführt, und alle Klänge und Effekte werden direkt über das Instrument erzeugt.

In „Dornâ“ setzt du auch Geräusche der menschlichen Stimme ein, wie ein Schnarchen und Hauchen. Was steckt hinter diesem Stück?

In diesem Stück hat mich das Hören über Kopfhörer nach der Aufführung in einen Zustand von Geheimnis und Mysterium versetzt. Dieser Vogel vermittelt mir genau dieses Gefühl.

Das CD-Cover von Jordan Belson sieht sehr nach Science Fiction aus, was für mich sehr gut zu deiner Musik passt. Würdest du sagen, du bist ein „Trommelfuturist“?

Ich fühle mich glücklich darüber, dass mein Stil einen tiefen Einfluss auf unzählige Musiker auf der ganzen Welt hatte. Denn Liebe bedeutet Geben.

Glaubst du, dass sich für den Iran nach der Intervention der USA und Israel eine neue Perspektive eröffnen kann, und wie könnte diese aussehen?

Ich glaube, dass gemäß dem Gesetz der Proportionalität die iranische Gesellschaft nicht mehr zu ihrer Regierung passt, und ich bin sehr optimistisch, dass die Menschen eine positive Veränderung erleben werden. Die iranische Gesellschaft ist mehr als zuvor gewachsen, und ein Diktator passt nicht mehr zu ihr.

tamburimundi.com

Auf der Suche nach Frieden


Souad Massi
Zagate
(Backing Track/Galileo)

Gleicher Produzent, aber verändertes Rezept: Bereits vor vier Jahren arbeitete die Franko-Algerierin Souad Massi für das Album Sequana mit Justin Adams. Der Brite hat auch das neue Werk unter seiner Pultfuchtel, doch Zagate ist vor allem in der rhythmischen Ausgestaltung wuchtiger angelegt. Zum Intro gibt es ein Kuti-Riff, über dem sich eine heisere Schalmei erhebt, in „Congo Connection“ erhebt sich zu kantigen Gnawa-Beats die Stimme des kongolesischen Rappers Youssoupha. Ruppigen Berber-Rock gibt es im Titelstück mit viel Gitarren-Testosteron, eine zornige Anklage an alle Kriegstreiber – wie überhaupt viele der Tracks sich auf die Seite der Friedenssuchenden in einer verfinsterten Welt schlagen.

Die arabischen Färbungen kommen nicht zu kurz: Oud und Flöten sind organisch eingebettet in die Band. Ein klangliches Highlight ist der schnurrende Viola D’Amore-Sound des Tunesiers Jasser Haj Youssef in einer beeindruckenden Friedens-Rezitation des arabo-andalusischen Philosophen Ibn Ruschd. Und in ein paar stillen Momenten rekurriert Massi in ihre folkige Frühzeit, etwa mit der wunderbaren Ballade „Tili“, bevor sie im Auslauf der Scheibe zu einem galoppierenden Electro-Rock à la française ausreitet.

© Stefan Franzen

Radiotipp: Die Mondfrau sang im Boote

SWR Musikstunde
Die Mondfrau sang im Boote – musikalische Annäherungen an Else Lasker-Schüler
23. – 27.03.2026, 9h05-10h

Lyrikerin und Liebende, Performance-Künstlerin und Pionierin der Autorinnenrechte, Orientbegeisterte und Heimatliebende, Vertriebene, selten Gefeierte und viel Geschmähte: Die Biographie von Else Lasker-Schüler (1869-1945) ist genauso schillernd wie erschütternd. Ihre klang- und machtvollen Verse allein sind bereits Musik.

Keine Dichterin der deutschen Sprache ist – in buchstäblich allen musikalischen Sparten – öfter vertont und gesungen worden – von bekannten Namen wie Paul Hindemith und Friedrich Hollaender über André Previn bis Katja Ebstein, aber auch von selten gehörten Tonschöpfern wie Wilhelm Rettich, Erich Walter Sternberg oder Gil Shohat.

Unter musikalischen Vorzeichen folge ich in der SWR Musikstunde dem wechselvollen Weg der „größten Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ (Gottfried Benn) von Elberfeld nach Berlin und schließlich ins Schweizer und Jerusalemer Exil.

Die Sendungen werden jeweils am gleichen Abend um 23h wiederholt und stehen nach der Ausstrahlung ein Jahr lang in ARD Sounds zum Abrufen bereit.

Arash Safarian: „Styx“ (Else Lasker-Schüler)
Quelle: youtube

 

Nachlese Ohren auf Weltreise – Westafrika

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte mich bei allen bedanken, die am Samstag und Sonntag bei „Ohren auf Weltreise – Westafrika“ physisch oder auch im Geiste dabei waren und für einen wunderbaren Abend gesorgt haben.

Ganz besonders danke ich meinen beiden grandiosen Gästen, Amy Sacko und Bassekou Kouyaté aus Mali, sowie allen, die uns technisch und logistisch betreut haben.

Wir hatten im Kommunalen Kino Freiburg – und im Foyer der Reithalle Offenburg nahezu – wieder volles Haus. Die Reihe wird mit weiteren Themen, neuen Gästen und an verschiedenen Orten fortgesetzt!

Vielen Dank für zusätzliche Bilder an Albert Josef Schmidt von Zerofoto (1,5,6,8,9) Jürgen Haberer (2) und Norbert Hausen (7).

Eine kleine Revolution in der Stadt der Lichter

 Fotos © Oliver Seifert & Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz
L’Olympia, Paris
08.03.2026

30 Jahre auf der Bühne? Für eine 43-Jährige ist das eine schier unfassbare Strecke. Die Katalanin Sílvia Pérez Cruz feierte das Jubiläum trotz erkennbarem Respekt vor dem Ort des Geschehens in familiärer, warmherziger Atmosphäre und mit kleinen bis großen musikalischen Überraschungen in atemberaubenden 120 Minuten.

Es ist dieser rote Vorhang, der so viele Erinnerungen wachruft. Jacques Brel und Juliette Gréco standen vor und hinter ihm, Charles Aznavour und Oum Kalthoum. Sílvia Pérez Cruz wählt ihn zur Begrüßung des ausverkauften, altehrwürdigen Saals als Kulisse für ein A-Cappella-Traditional. Es setzt den Rahmen dafür, was an diesem Abend immer im Mittelpunkt stehen wird: ihre unvergleichliche Stimme, die Menschen auf verschiedenen Erdteilen zu Tränen rührt, ganz gleich, ob sie das kraftvoll-erdige Timbre wählt oder das Wispern in feinen Schleifen.

Hinter den roten Samtfalten wartet aber schon ihr Quartett, das seit dem Werk Toda La Vida, Un Día zum festen Ensemble geworden ist: Ihr langjähriger Begleiter, der Violinist Carlos Montfort, die Cellistin Marta Roma und der Bassist Bori Albero steigen ein, mit einem neuen Stück, das vom noch unveröffentlichten Album stammt, und bald wird als erster Höhepunkt das ausgelassene „Moreno“ angestimmt, die neue Single, ein kammermusikalischer Samba mit neckischem Refrain, den das Auditorium gleich aufgreift.

Stichwort Publikum: Wie üblich fragt die Protagonistin die Nationalitäten ab und erntet viel Applaus von den katalanischen, spanischen, portugiesischen, südamerikanischen Communities. Es wird also ein Abend, während dem ihre Bühnensprache sich bei den lebhaften, fast geschwätzigen Zwischenansagen nicht im Französischen einpendelt. Das Olympia: eine iberische Insel mitten in der Stadt der Lichter.

Und der Stadt der Liebe: Eng am Ton von Édith Piaf stimmt Pérez Cruz „L’Hymne À L’Amour“ an, verbindet sie aber mit den Abgründen des Liebeslebens in Andeutungen an Leonard Cohens „Hallelujah“ und „Pequeno Vals Vienés“ und den surrealen Sprachbildern von Federico García Lorca, um jegliche Paris-Klischees hinwegzufegen. Genau wie sie in Zwiesprache mit Bori Albero „Sounds Of Silence“ in seine Bestandteile auflöst, in eine freie Spielwiese, die die Klänge des Schweigens mit Verzweiflungsausbrüchen konfrontiert.

Eng rückt nun das Quartett zusammen, und die Anfangsakkorde lassen erkennen, dass der „Cucurrucucú“-Moment gekommen ist: Sílvia Pérez Cruz hat dieses Lied von Tomás Mendez so oft interpretiert, dass es zu einer Art Signatur ihres Bühnenwesens geworden ist. Das Quartett spielt es an diesem Abend mit einer ungeahnten Diversität: mit vielen Tempowechseln, hinein in einen galoppierenden Ranchera-Rhythmus, etlichen überwältigenden Momenten des Innehaltens, der fantastischen Ausgestaltung der unsterblichen Liebessehnsucht. Das Olympia spendet minutenlang Standing Ovations, mitten in der Show. Es ist für die Anwesenden ein Moment fürs ganze Leben, man sieht, sie kann diese Begeisterung selbst kaum fassen.

Nach einem kurzem Runterkühlen zaubert sie weitere Freunde hervor: Geigerin Elena Rey und Bratschistin Anna Aldomà komplettieren die Band zum Streichquintett. Es ist die – wenn auch nicht ganz personengetreue – Besetzung des Albums „Vestida De Nit“, auf das es jetzt eine bewegende Rückschau gibt, etwa mit der von Pizzicato-Eleganz gespickten peruanischen Miniatur „Mechita“. Und schließlich das Titelstück selbst, geschrieben von ihren Eltern, vor denen sie sich hier verbeugt, mit einem besonders liebevollen Gruß an den Einfluss ihrer dichtenden Mutter. Und während sie diese Habanera singt, scheint sie fast wie eine Ikone im Strahlenkranz vom Ufer der Costa Brava hinaus zu segeln.

Doch der Abend hat noch eine Überraschung in petto: Bereichert wird das Streichquintett nun durch drei Waldhornisten (Ionuț Podgoreanu, Pau Armengol i Díaz, Pablo Emiliano Cadenas San Jose). Ein feiner Verweis auf die katalanische Tradition der Cobla-Kapellen vielleicht, in denen das Blech immer eine wichtige Rolle gespielt hat? Hier kommt nun auch verstärkt neues Songmaterial zum Zuge, etwa eine erdige Chacarera, die Montfort mit wuchtiger Trommel stützt, von der Chefin mit einem Power-Dirigat angeheizt.

„Capitana“ lässt erahnen, dass sich dieses Lied über die Führungskraft der Frauen, um die es an diesem 8. März, dem Weltfrauentag natürlich auch immer geht, zu einer ganz starken Hymne unter den vielen in ihrem Repertoire mausern könnte. Wunderschön und machtvoll textieren die Hörner hier das Geschehen. Mit ihnen hat sie nochmal eine dichte Zwiesprache in „Líquido“, das die lydische Skala als besonderes katalanisches Stilelement feiert. Und sie brillieren in einem wunderbaren Arrangement von Carlos Montfort für den zweiten französischen Moment an diesem Abend, „L’Amour Reprend Ses Droits“, das Salvador Sobrals Frau Jenna Thiam getextet hat.

Und schließlich eine betörende Version von Chicho Sánchez Ferlosios „Gallo Rojo, Gallo Negro“, 1963 mitten im Franco-Regime als Statement der Linken gegen den Faschismus geschrieben, der heute von Teheran bis Washington in verschiedensten Masken ungebremst zu wüten scheint. Sílvia Pérez Cruz interpretiert das Antifa-Lied mit den acht Musikern im roten Bühnennebel mit schmerzlicher Raserei. „Eine kleine Revolution in dieser hässlichen Welt“ könne die Musik sein, hatte sie früher am Abend gesagt, und dass wir uns um die uns nahestehenden Menschen kümmern und so die Welt verbessern. Nichts anderes bleibt uns – doch das kann viel sein.

Für die Zugaben rückt wieder der rote Vorhang des Olympia in den Fokus: Es gehört eine große Portion Mut dazu, Brels „Ne Me Quitte Pas“ hier zu interpretieren, wo der Urheber es mehrfach in erschütternden Auftritten gesungen hatte. Pérez Cruz ist der Respekt deutlich anzumerken, auch die Ehrfurcht vor der Wucht dieser Worte, die Bedürftigkeit bis zur äußersten Selbsterniedrigung widerspiegelt. Sie findet ihren eigenen überzeugenden Ton, unterstützt durch eine geisterhafte Hand, die ihr Augen und Mund liebeserblindend verdeckt. Sie braucht im stürmischen Applaus ein paar Momente, um sich zu erholen – bevor das sonst so intime „Mañana“ in grandiosem Arrangement als Schlusspunkt aufleuchten darf.

Ein Abend, der die größte Stimme der Iberischen Halbinsel mitten in Europa mit viel Herz und Seele aufblühen ließ.

© Stefan Franzen

Ohren auf Weltreise mit Bassekou Kouyate & Amy Sacko


„Ohren auf Weltreise – Geschichten & Klänge aus Westafrika“

Bassekou Kouyate & Amy Sacko mit Stefan Franzen

Reithalle Offenburg – 14.3.2026 – 20h
Kommunales Kino Freiburg – 15.3.2026 – 19h

Er ist „ein Genie und der lebende Beweis dafür, dass der Blues aus Mali kommt“, sagt Taj Mahal über seinen Kollegen Bassekou Kouyate. Nach 5 CDs mit seiner Band Ngoni Ba veröffentlichte der Meister der Spießlaute Ngoni 2025 Djudjon, ein Album mit seiner Frau Amy Sacko. Damit landete das Paar in den World Music Charts auf Platz 1. Das kammermusikalische Programm ist eine berührende Hommage an seine Eltern und an die Kultur der Griots (die Geschichtenerzähler und Gesellschaftskommentatoren Westafrikas).

Vor dem Set des malischen Duos lese ich mit Klangbeispielen aus meinem Buch „Ohren auf Weltreise“. Die aktuelle Lesestrecke ist eine Reise durch die westafrikanische Klangwelt: Wir hören Spannendes über die Musik aus Mali, lernen herausragende Stimmen und starke Frauengestalten kennen und erfahren, wie die Musik-Traditionen Malis verflochten sind mit dem Blues der USA, mit Klängen aus Kuba, aus Mauretanien und mit der Tradition der marokkanischen Gnawa.

Bassekou Kouyaté & Amy Sacko: Live in Göteborg 2023
Quelle: youtube

(he)artstrings #32: Jimmy erfindet, Roberta veredelt

Roberta Flack / Jimmy Webb: „Do What You Gotta Do“
(aus: Chapter Two, Atlantic 1970)

Jimmy Webb erinnert sich in seinem Buch Tunesmith (Hyperion 1998), wie er das erste Mal Roberta Flacks Version seines Songs „Do What You Gotta Do“ hörte. Er stellte fest, dass ihre Melodie kaum noch etwas zu tun hatte mit seinem Original und fing spontan an, seine ursprüngliche Gesangslinie hinzuzufügen. „My God, what a gorgeous duet it was!“, so sein Kommentar.

Webb hat dieses Lied mit zarten sechzehn Jahren geschrieben und die damals vielleicht persönlich durchlebte Erfahrung in Töne gegossen, wie eine Frau, die wohl eine „Schuhgröße“ zu viel für den Knaben hatte, ihn wieder verlässt. Dem von Liebeskummer Geplagten schwante das zwar von Anfang an irgendwie, es stürzt ihn aber nichtsdestotrotz ihn tiefste Melancholie. Der erste Interpret dieses Stücks war 1966 Johnny Rivers, eine Motown-Version folgte drei Jahre später mit den Four Tops. Webb selbst, oftmals nicht der beste Interpret seiner eigenen Werke, hat den Song auch mehrfach aufgegriffen, spielt ihn auch heute noch bei Soloauftritten am Klavier.

Was Roberta Flack aber aus „Do What You Gotta Do“ geformt hat, ist in einer eigenen Liga, und ich gebe zu, bei ihrer Version treibt es mir die Tränen in die Augen. Im ruhigen Gang, mit clever umgekehrten Akkorden in der rechten Piano-Hand und ihrer so typisch unaufgeregten Stimme, die sich über Minuten zu einer völlig unforcierten Inbrunst steigert, spiegelt sie die Verzweiflung eines gebrochenen Herzens formvollendet wider – und in einem Kunstgriff überträgt sie Jimmys Story dann natürlich auch noch auf die Perspektive des anderen Geschlechts.

Heute, am 1. Todestag von Roberta, teile ich „Do What You Gotta Do“ in mehreren Varianten: Die Studio-Version von Flacks zweitem Album Chapter Two, die der brasilianische Meister-Textierer Eumir Deodato geadelt hat – mit Streichern, die in den Geigen wie Espenlaub zittern und in den tiefen Lagen waidwund seufzen – bleibt aber unerreicht. Musik aus einem Amerika, das es nicht mehr gibt.

1. Roberta Flack (arr. Deodato, 1970)
Quelle: youtube
2. Roberta Flack (live in Montreux 1971)
Quelle: youtube

3. Johnny Rivers (1966)
Quelle: youtube

4. Four Tops (1969)
Quelle: youtube

5. Jimmy Webb (2010)
Quelle: youtube

Auf deiner blauen Seele

Heute ist der Geburtstag von Else Lasker-Schüler. Auch mehr als 80 Jahre nach ihrem Tod in Jerusalem wirkt die „größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ (O-Ton Gottfried Benn) musikalisch in allen Sparten nach. Ein besonders schönes Beispiel kommt von der Sängerin und Komponistin Christa Abels. Sie ist in Südbaden geboren und hat sich nun in Dresden in der klassischen Musik, der Filmmusik und im Songwriting etabliert. Wiederholt hat sie sich mit der Dichterin aus Elberfeld beschäftigt und widmet ihr auf dem neuen Album Mit den Zugvögeln fort den Löwenanteil der Gedichtvertonungen.

„Auf deiner blauen Seele“ ist ihre Adaption von Elses „An den Prinzen Tristan“, Lasker-Schülers Dichterfreund Hans Ehrenbaum-Degele ist damit gemeint. Blau, das war für Else Lasker-Schüler die Farbe der Dichter: Blau ist ihr der Himmel, und zwar der metaphysische. An Karl Kraus schreibt sie: „Ich denke an den Nazarener, er sprach erfüllt vom Himmel und prangte schwelgend blau, daß sein Kommen schon ein Wunder war, er wandelte immerblau über die Plätze der Lande. Und Buddha, der indische Königssohn, trug die Blume Himmel in sich in blauerlei Mannichfaltigkeit Erfüllungen.“ Blau war ihr auch jede Seele und jedes Herz, dem die freundschaftliche, seelenverwandte Liebe heilig war – das blaue Herz, das es heute bis in die Palette der Emojis hineingeschafft hat.

In Kürze mehr zu Else Lasker-Schüler und ihren Komponist*innen und Liedermacher*innen!

Christa Abels: „Auf deiner blauen Seele“
Quelle: bandcamp


Der Highlife-König verlässt den Thron

Foto © Stefan Franzen

In Ghana wehen die musikalischen Flaggen auf Halbmast: Mit Ebo Taylor ist am 7. Februar einer der Grandseigneurs der Highlife-Geschichte des Landes im Alter von 90 Jahren verstorben. Der Gitarrist, Bandleader und Komponist kam 1936 in Cape Coast zur Welt und prägte von Beginn seiner Karriere an die ghanaische Popmusik. Als Ghana 1957 seine Unabhängigkeit erklärt, formt er in der Ashanti-Kapitale Kumasi erste eigene Bands, die Stargazers und die Broadway Dance Band und saugt Einflüsse von Miles Davis bis Sonny Rollins auf. Für seinen charakterstarken, kantigen und synkopischen Gitarrenstil findet er in Wes Montgomery ein Vorbild.

Gefördert von Staatschef Kwame Nkrumah geht er 1962 nach London und heckt dort mit dem Nigerianer Fela Kuti Pläne für die Weiterentwicklung des Highlife aus: „Wir Ghanaer haben damals viel mit den Nigerianern gejamt, ein reger Austausch, als Konkurrenz habe ich das nie empfunden“, sagte er mir 2010. „Irgendwann realisierte ich, dass unsere Musik nach der Kolonialisierung sehr nach Dur klang, ganz im Gegensatz zu der unserer Vorfahren. Ich fühlte, dass der Funk ein Weg war, da rauszukommen.“

Das realisiert er mit einer ganzen Latte von Bands, unter ihnen die Blue Monks, die legendäre Uhuru Band, die Apagya Show Band oder auch das Underground-Projekt Asaase Ase, mit dem er die Musik der Fante-Küstendörfer und der Kriegerkaste Asafo mit funky Feeling versieht. Er schreibt Hits wie „Heaven“ und „Atwer Abroba“, veröffentlicht in den Siebzigern Solo-Alben, komponiert und produziert für die führenden Plattenfirmen Ghanas wie Essiebons, betreut deren Highlife-Stars Pat Thomas und C.K.Mann.

Ebo Taylor stand lange im Schatten von Fela Kuti und Tony Allen, wobei er stets betonte, dass deren Afrobeat doch eigentlich nur eine weitere Variante des ghanaischen Highlifes war. Erst in den Nullerjahren wird die aktuelle Generation von afrobegeisterten Musikern auf ihn aufmerksam und regt generationenübergreifende Projekte an. „Love And Death“ ist der erste Output während Taylors zweitem Frühling, angestoßen von Ade Bantu und seiner Afrobeat Academy. Dem kulturellen Niedergang in seiner Heimat schafft der Musiker noch im Alter Abhilfe: Er wird Gitarrenlehrer im Music Department der University of Legon in der Hauptstadt Accra, wo er mich im September 2010 im leuchtend blauen Gewand und in beeindruckend gelassener Würde zum Gespräch empfing.

Weitere Alben wie „Appia Kwa Bridge“ und „Yen Ara“ festigen Ebo Taylors Vermächtnis der späten Jahre, und erst kürzlich hat er noch für das Label Jazz Is Dead mit Adrian Younge gearbeitet. Er prägte die R&B-orientierte junge Hiplife-Generation seines Landes, beeinflusste aber auch den US-HipHop von Usher, den Black Eyed Peas oder Kelly Rowland, die ihn alle sampelten. Kein Wunder also, dass Taylor in Ghana dieser Tage von höchster Stelle geehrt wird: „Er wird als einer unserer größten Musiker aller Zeiten in Erinnerung bleiben, als ein Mann, der sich dafür einsetzte, ghanaische Musik auf die Weltkarte zu bringen, zu einer Zeit, als andere Musikgenres im Vordergrund standen“, sagte der Sprecher des Präsidenten gegenüber der BBC.

© Stefan Franzen

Ebo Taylor live at Théâtre de la Mer, Sête 2015
Quelle: Dailymotion

Flucht-Grooves

Louis Matute
Dolce Vita
(Naïve/Believe)

Irreführender könnte der Albumtitel kaum sein: Der Genfer Gitarrist Louis Matute  hat mit Dolce Vita ein sehr ironisches Motto gewählt, um auf seinem neuen Werk bittere Familienhistorie zu verarbeiten. Er erzählt die Geschichte der Militärdiktaturen von Honduras, die erzwungene und dramatische Flucht seines Großvaters, während einer kurzen Demokratie-Phase Wirtschaftsminister und Reformer, dann an Leib und Leben bedroht. So täuscht auch der friedliche Eingangsgroove von „Santa Marta“, bis Matute mit einem ruppigen Solo den Schmerz über ein Massaker in Töne gießt. Der Wunsch nach Flucht wird zu sparsamen Piano-Tropfen im Folgestück vom Tenorsax (Léon Phal) ebenso hitzig verkörpert.

In „Les Veines Noires De Son Cou“ weitet die Band das Klangbild sphärisch mit strahlender Orgel und Staccato-Gitarren, bevor sich mit „Tegucigalpa 72“ der Zorn über die Rückkehr der Diktatur mit verzerrt blubbernder Trompete (Zacharie Ksyk) in einem Mambo-Gewitter kanalisiert. Ruhepole in diesem musikalischen Polit-Drama gibt es mit einem Zwitter aus afrokubanischem Groove und brüchigem Spoken Word („I’ll See You Soon“), sowie in sanften Gesangs-Interludien, die mit Dora Morelenbaum und Joyce Moreno, glühende Matute-Bewunderin, nach Brasilien entführen. Meisterhaft räumlich haben Matute und Genossen diese Stücke arrangiert und schaffen einen turbulenten Ort, an dem sich Latin-Bigband, die Essenz des Santana-Sounds und tropische Coolness jenseits von Vintage-Chique zu etwas Zeitlosem amalgamieren.

© Stefan Franzen

Louis Matute: „Tegucigalpa ’72“
Quelle: bandcamp