Heilige Töne an der Hase

Abdullah Miniawy Trio
Ganavya Trio & Marienkantorei Osnabrück

Morgenland-Festival Osnabrück, St. Marien
29.05.2026

Osnabrück ist die „Friedensstadt“ Deutschlands. Es will daher nicht so recht zusammenpassen, dass sich auf dem Theatervorplatz die Bundeswehr mit einer großen Anwerbeaktion samt schwerem Gerät präsentiert. Eine kleine Gruppe von vorrangig jungen Menschen hält demonstrierend dagegen, während sich über dem Geschehen dunkle Gewitterwolken zusammenbrauen. Dass die Stadt am Fluss Hase im Friedenskontext zitiert wird, liegt zunächst daran, dass sie Unterzeichnungsort war, als 1648 einer der Verträge des westfälischen Friedens besiegelt wurde. Heute hat die Bezeichnung noch eine andere Bedeutung: Als Schau- und Hörplatz des alljährlichen Morgenland-Festivals, das Michael Dreyer entwickelt hat. 2026 hat er den Staffelstab in der künstlerischen Leitung an Shabnam Parvaresh weitergegeben.

Die Klarinettistin, die einst zum Musikstudium nach Deutschland kam, hat nun in Osnabrück eine neue Heimat gefunden und ist dem Festival seit Langem verbunden. In ihrer Begrüßung zur Festivaleröffnung betont sie, dass der aus der Zeit gefallene Begriff „Morgenland“ für sie keine geographische Zuschreibung ist. Sondern eine Vision für eine neue Gesellschaft und Kultur, auf die gemeinsam hingearbeitet werden muss. „Es liegt nicht allein im Nahen Osten – es liegt vor uns. Es ist ein imaginiertes Morgen, ein Raum der Möglichkeiten. Es steht für das Kommende, das wir miteinander formen können.“ Wie wichtig der Beitrag eines solchen Festivals dazu ist, kann kaum überschätzt werden – auch und vor allem als Gegenentwurf zu einem Gesternland, zu dem die „Neue Rechte“ Deutschland wieder machen will.

Und erst recht nicht, da etliche andere deutsche Roots-Festivals ihre kulturelle Zukunftsvisionen von Diversität und stilistischem Weitblick über die Jahre geschmälert bis aufgegeben haben. Den Fokus richtet Parvanesh in ihrem ersten Jahr auf den Begriff „Diaspora“. Schon im starken, stimmigen und vor allem tief berührenden Auftaktkonzert zeigte sich, was möglich ist, wenn mit Bedacht und Herzblut ein Programm kuratiert wird.

Seine glühende Stimme schenkt der Ägypter Abdullah Miniawy dem Auditorium zum Einstieg. Und diese Stimme hat sich freigemacht von allen Orient-Klischees: In ihr wohnen noch die Melismen der arabischen Kunstmusik, aber auch die sakrale Musik aus der Alten Musik Europas klingen an. Mal ist er mit expressiven Rezitationen unterwegs, schraubt sich dann aber immer wieder zu schmerzlicher Intensität empor, mal kräftig nasal, mal in wispernder Verletzlichkeit. Flankiert wird Miniawy von zwei Posaunenmeistern der freien Improvisation, den Italienern Filippo Vignato und Andrea Andreoli. Die bieten ihm mal ein Bett aus choralartigen Liegetönen, dann wieder umspielen sie ihn staccatierend oder gehen ins  freie Geräuschhafte, auch die Obertonfarben eines Didgeridoo werden da nachgeahmt. Da wir in einer evangelisch-lutheranischen Kirche lauschen, kommt immer wieder die Assoziation zum Posaunenchor.

Zum Gesamtkunstwerk wird dieser Auftritt durch die Gestik und Mimik Miniawys: Nach eigenem Bekunden hat er sich kürzlich einer Tai- Ji-Gruppe angeschlossen, und fast scheint es, er habe die fließenden Bewegungen in seine Deklamatorik integriert. Zum Ende eine Botschaft: Sprecht Fremde an, interessiert euch für den Nachbarn, blickt von euren Smartphones auf. Er habe das für das Jahr 2026 zu seiner Lebensübung auserkoren.

Nach der Pause wird es „inklusiv“. Ganavya hat die Marienkantorei eingeladen, mit ihrem Trio die Bühne zu teilen, und der Chor legt sanfte Summtöne unter ihren schweifenden Vortrag, der von Harfen-Arpeggien und meist hellen Piano-Tropfen begleitet wird. Die Tamilin ist zwischen Südindien und NY mit Pilgerliedern und der Tradition des Harikathā aufgewachsen, einer Kunst des Storytellings in Tönen, hat ihr Spektrum aber bis in die Spiritual Jazz-Klassiker von Alice und John Coltrane geweitet, ist eng befreundet mit Shabaka Hutchings und Esperanza Spalding.

In epischen Stücken erzählt sie ihre Geschichten, wechselt dabei oft von delikatem Flüstern, das aber nie zerbrechlich wirkt, in scheinbar endlose Bögen auf- und abschwingender Melodieseligkeit, die das Herz wie ein Strom aus Liebe mitreißen. Ihre ernste, nach innen gewandte Gestik, ganz anders als die verzückte Extrovertiertheit von Miniawy, erzeugt den Eindruck, man lausche hier einem langen Gebet, einer intensiven Zwiesprache mit dem Höchsten. Dabei muss sie oft diskret ihre Stimme freihusten, ihr Timbre habe sich durch die Schwangerschaft stark verändert habe, sagt sie. Umso bewundernswerter die  souveräne Beherrschung ihrer sich manchmal über Minuten erstreckende Phrasierung.

alle Fotos © Stefan Franzen

Man kann gar nicht anders als ergriffen sein von diesem Set, das in der Atmosphäre einer Art überkonfessioneller Kommunion sein Finale findet: Zunächst stützt sie der Chor mit dem Refrain des „Nine Jeweled Prayer“, eine heilige Hindu-Litanei an die Göttin Lalitha. Und am Ende dann wird das ganze Kirchenschiff wird zum Klangraum, als Ganavya die Hörenden auffordert, in einen Vers einzustimmen, der noch lange nach diesem berührenden Erlebnis nachklingt: „There is so much beauty and comfort in being in love and just being.“ Das Morgenland-Festival läuft an verschiedenen Spielorten Osnabrücks noch bis zum 6.6.

© Stefan Franzen

MORGENLAND FESTIVAL OSNABRUECK
Abdullah Miniawy
TOUR | ganavya

Ein Mann weint nicht

João Afonso
Todo Tempo

(Lusitanian/Broken Silence)

Vertraut klingt der Name im musikalischen Kontext – und tatsächlich: João Afonso ist der Neffe des 1987 verstorbenen Liedermachers und Dichter des Nelkenrevolution-Liedes „Grândola, Vila Morena“, José „Zeca“ Afonso. Im Laufe der letzten 30 Jahre hat der Songschreiber, Sänger und Gitarrist im ruhigen Gang neun Alben veröffentlicht, die hierzulande meist Kennern vorbehalten blieben. Todo Tempo bündelt seine Schöpferkraft musikalisch und poetisch. Im Titeltrack paaren sich trabende rhythmische Ausgestaltung und eine melancholische Melodie zu ruhigen Bläsersätzen. Fast klassisch wird es in Balladen wie „Pernoitas Em Mim“, nur mit Klavier und Cello textiert. Mit „Um Homem Não Chora“ (ein Mann weint nicht) ist eine eingängige Folkpop-Hymne gelungen.

Im Mittelpunkt steht dabei immer Afonsos sensible Stimme, die sich zwischen Verletzlichkeit und kräftigem Volksliedton aufspannt. Ein wichtiger Aspekt des Songzyklus ist Afonsos persönlicher Hintergrund: Er wuchs noch während der Kolonialzeit in Mosambik auf, afrikanische Tönungen scheinen daher in der reichen rhythmischen Ausgestaltung, aber auch in Melodien und Instrumentierung durch, etwa in der Gitarrenarbeit von „Matope“ oder der tänzerischen Unbeschwertheit von „Sonhei-te“, der Rão Kyãos Flöten-Interludien sogar einen Schuss Indien-Flair hinzufügen. Organisch wird der tropische Aspekt zur rustikalen Tönung portugiesischer Saiteninstrumente gruppiert. Schwelgerischer Höhepunkt: Die ruhige Nummer „Guardião Das Estrelas“, bereichert durch den Frauenchor CouraVoce.

© Stefan Franzen

João Afonso: „Todo Tempo“

Mondlieder am Mittag

Yann Keerim & Sokratis Sinopoulos (Foto: © Stefan Bross, Forum Jazz e.V.)

Erstmals bespielte das Forum Jazz e.V. während des ECM-Festivals die Scheune des Gasthauses Raben in Horben. Eine unvergessliche Sonntags-Matinee mit Duo-Höhenflügen in akustischer Traumkulisse.

Eine Ehrung als Prolog: Labelchef Manfred Eicher, der das dritte Mal zum biennalen Festival seiner Hochkaräter in den Schwarzwald gereist ist, erhält eine Fototafel, auf der er in Proben-Aktion zu sehen ist. Die bescheidene Produzentenlegende versteckt sich dann doch lieber hinter einem der großen Trägerbalken der holzgesättigten Scheune. Jenes Holz, das viel zur warmen, beglückenden Akustik dieses Morgenkonzerts beiträgt.

Zwei global gefärbte Duos mit der Verschmelzung von Jazzvokabular und lokalen Klängen, insbesondere des Balkans – so das übergreifende Thema dieses Finales. Sokratis Sinopoulos und Yann Keerim, die kleine Streichlaute Lyra und der Konzertflügel: Wie kann dieses ungleiche griechische Paar zu einer schlüssigen Zwiesprache finden? Zweifel sind im Nu verflogen. Mit gravitätischen Akkorden baut Keerim der Lyra eine Grundlage, sie legt sich mit einem feinen Gespinst aus obertonreichem Spiel darüber. Hier wohnt in jedem gestrichenen Ton ein Universum, glasig-rauchige Mehrstimmigkeit entsteht, und die ornamentalen, schmerzlichen Melodien werden von anrollender Tastendynamik unterfüttert.

Über das gesamte Oktavenspektrum atmet Keerim mit dem Piano, dräuend in der linken Hand, matt glühend in der Melodik der rechten. Er gleitet in impressionistische Harmonien, in expressiven russischen Gestus hinein, während Sinopoulos auf seiner Lyra asketische, wispernde Umspielungen einer Phrase kultiviert. Es ist in diesem Suiten-artigen Set, als begegnete ein Reisender auf dem Ozean der Klänge einer tiefen, heimatverhafteten Wahrheit. Wiederholt kehrt das Duo zu den Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartók zurück, besonders der berühmte „Brâul“ erfährt eine durch Improvisation dramatisch ausgebaute Spannungskurve. Die Dorftanz-Atmo greift Sinopoulos auf, indem er die Lyra auch mal zum Schlaginstrument macht, während Keerim beschwipst stolpernde Figuren entgegensetzt. Und immer wieder kostet die Streichlaute auch ihre geräuschhafte Potenz auf, bis hin zum Krächzen und windgleichen Hauch. Am Ende – ein Nachhorchen in die Stille hinein.

Elina Duni (Foto: © Stefan Bross, Forum Jazz e.V.)

Nicht nur künstlerisch ein Paar sind die albanisch-schweizerische Sängerin Elina Duni und der britische Gitarrist Rob Luft, die zur Mittagszeit ihr Mondlieder-Programm spielen. „Eine gewisse Herausforderung“, wie Duni feststellt. Sie hat über die Jahre ihre persönliche Synthese aus Jazzstandards und südosteuropäischen Farben entwickelt, bereichert durch weitere regionale Ausflüge. Ohne Bruch kann sie einen träumerischen Irving Berlin-Einstieg neben ein quertaktiges nordalbanisches Lied stellen, später ein persisches Wiegenlied neben einen Hit, den man von Doris Day kennt. Dunis Stimme besitzt gerade in den balkanischen Momenten eine fantastische kehlige Grundfärbung, in den jazzigen Passagen beherrscht sie aber die Klaviatur des Schmachtens und des meisterhaften Phrasierens.

Ihr Gegenüber entwickelt auf der halbakustischen Gibson eine verblüffend orchestrale Fülle. Im raffinierten Wechsel von Plektron und Finger, Tapping auf dem Griffbrett, Schwellakkorden und subtilem Vibrato sowie dezentem Einsatz von Loops entsteht ein nie versiegender Flow. Oft macht Luft den Anschlag unhörbar, kreiert Sounds, die auch mal an schwerelose Keyboard-Kaskaden erinnern. In einem Lied auf Rumantsch gipfelt die Duo-Kunst der beiden Sich-Blind-Versteher, als rasante Terzen-Läufe auf Dunis resolute Vokalkunst treffen. Getoppt wurd das nur durch einen somnambulen Mondwalzer aus Napoli. Und das, während die Mai-Sonne kräftige Lichtstrahlen in diese wunderbare Scheune sendet, die dem Festival hoffentlich immer als Spielort erhalten bleiben darf.

© Stefan Franzen, erstmals veröffentlicht in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 5.5.2026

Lehrgang in Zärtlichkeit

Clément Janinet
Garden Of Silences
(BMC Records/Galileo)

Was für ein wunderbarer Albumtitel – und er umreißt das, was hier passiert in schöner, poetischer Weise. Das Album des Komponisten und Geigers Clément Janinet, siedelt in einem Zwischenreich von mediterranen Traditionen, Alter Musik und Jazz. Die Violine begibt sich in Quartett-Dialoge mit Trompete (Arve Henriksen), Akkordeon (Ambre Vuillermoz) und Bass (Robert Lucaciu). Eine alte, modale Melodie schimmert in „Tranformations“ durch das wie Espenlaub vibrierende Ensemble, feurig-balkanesk steigt die Geige empor, triumphal begehrt die Trompete auf.

Getragen von ihrem weihevollen Ton ist auch der „Song For Madeleine“, an den Janinet eine still glühende Impro anschließt. Konkrete Bezüge gibt es zum Barock, wenn sich das Quartett – allerdings mal frei schwebend, mal mit geräuschhaftem Intro – auf Schleichpfaden an Themen von Buxtehude und Dowland annähert. Extrem zerbrechliche Miniaturen sind die stillen Hymnen „In The Head“ und das intime „Lola“, in der Henriksen sein Instrument das Weinen lehrt. Man könnte diese Scheibe tatsächlich als Lehrgang in Zärtlichkeit beschreiben.

© Stefan Franzen

Clément Janinet: „Garden Of Silences“ auf Bandcamp

Musik für das Kronenchakra

SRF 2 Kultur
Musikmagazin
Interview mit Dominique Fils-Aimé
18.04.2026, 10h / 19.04.2026, 20h

Kürzlich durfte ich im elsässischen Mulhouse die franko-kanadische Sängerin und Songwriterin Dominique Fils-Aimé zum Interview treffen. Dominique hat gerade auf Ensoul Records ihr neues Album My World Is The Sun veröffentlicht, dem sie die Farbe Violett zuordnet. Als Synästhetikerin sieht sie Farben in der Musik und erklärt in diesem Kurzbeitrag im SRF 2 Kultur Musikmagazin, wie sie die verschiedenen Werke zu Grund- und Sekundärfarben gruppiert. Im Sommer dann mehr zu dieser herausragenden Künstlerin im Deutschlandfunk.

Dominique Fils-Aimé auf Bandcamp

Psychotopisches Paradies

Ausflüge zu Komponisten-Domizilen sind ja meine Steckenpferde, wie ganz aufmerksamen Leserinnen und Lesern dieses Blogs nicht entgangen sein dürfte. Das Belvedère von Maurice Ravel in Montfort L’Amaury, rund 40 Kilometer westlich von Paris, stand schon seit vielen Jahren auf meiner Wunschliste, doch bei vergangenen Paris-Aufenthalten scheiterte der Besuch an Zeitmangel und der aufwendigen Anreise dorthin. Jetzt aber, zu Ravels 151. Geburtstag sollte es sein.

Man muss das wirklich wollen – denn der Besuch wird einem alles andere als leicht gemacht. Das Belvedère öffnet sich dem Publikum nur an Wochenenden und auf vorherige Reservation. Und der Weg dorthin mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur in einer Kombination aus Métro, RER und Bus zu wuppen, man benötigt zweieinhalb Stunden.

Kräftigung ist also angesagt in einem meiner Lieblingscafés, Nähe der U-Bahn-Station Stalingrad, dem Jaurès. Der streitbare Reformsozialist steht Pate für ein Établissement, in dem als Untermalung leider auch KI-generierter Smooth Jazz Einzug gehalten hat. Für Leute wie mich, die sich professionell mit der Beurteilung von Musik beschäftigen, ist es  – noch – relativ leicht, die Quelle als nicht menschlich zu identifizieren. Man entdeckt die Parameter leicht, die hier eingegeben wurden: eine melancholische, hauchende Stimme (jede einzelne Silbe wird zum lasziven Schaukasten), schablonenhafte Harmonien in den Schichtungen. Klischeehafte Sax-Einwürfe. Ein lebloser Bass, bei dem das Holz nicht hörbar ist. Standardisierte Drums mit durchlaufender Bongo. Wird improvisiert, dann in engem Umfang, es gibt keine Ausbrüche, keine Geistesblitze. Und wieder stellt man zum x-ten mal fest, wie dämlich die Bezeichnung „KI“ ist: Künstlich, ja, aber intelligent? Maurice Ravel, ein Freund des verspielt Mechanischen, der raffinierten Apparatur: Vor dieser Künstlichkeit hätte es ihm vermutlich gegraust.

Als sich die Agglomeration von Paris ausdünnt, wird die Landschaft der Île-de-France fast lieblich. Magnolien und frühe Obstbäume blühen hier schon allerorten, westlich von Versailles ist der Umstieg in einen Bus vonnöten, der zuckelt über fast 30 Stationen durch eine weite, diesige Landschaft mit ganz sanften Hügeln und kleine Dörfer mit Steinhäusern. Dann kommt der Ort Montfort-l’Amaury in Sicht.

Nicht ohne Charme liegt das Städtchen am Waldsaum von Rambouillet, eine überdimensionale Kirche überragt die schmalen Kopfsteinpflastergassen, auf dem zentralen Platz ein paar Cafés und ein indisches Restaurant. Um die Ecke windet sich eine Straße bergan auf einen Hügel mit Ruinen – und an eine Kurve drängt sich ein schmales, langgestrecktes, von einem Türmchen bekränztes Haus. Ein  architektonisches Kuriosum.

1921 hat Ravel es erworben, auch um seine Ruhe vor dem Gewühle von Paris zu haben, das trotzdem nicht außer Reichweite war. Der handwerklich Unbegabte verzweifelte zunächst: Ein Wassereinbruch ruinierte das Klavier, seine trinkende Magd stahl ihm Einrichtungsgegenstände. Doch schließlich war es soweit, er konnte Gäste empfangen. Eine enge Freundin des Komponisten, die Violinistin Hélène Jourdan-Morhange, berichtet von einer merkwürdigen Einrichtung, die sich auch heute noch bewundern lässt. Der Autor Theo Hirsbrunner spricht gar davon, das Haus sei ein Psychotop: In seiner Oper „L’Enfant Et Les Sortilèges“ habe Ravel gewissermaßen sein ganzes Intérieur und den umliegenden Wald von Rambouillet zu einem Libretto von Colette vertont.


Ein kleines Grüppchen hat sich eingefunden, um von einer freundlichen, kenntnisreichen älteren Dame durch das unfassbar schmale Anwesen geleitet zu werden. Im engen Flur hat man ständig Angst, irgendetwas von den Wänden zu fegen. In dem von Ravel veranlassten wenig schmucken Küchenanbau beginnt die Tour, führt dann vorbei an Vitrinen, in der die Originalpartitur von „L’enfant…“ und eine beeindruckende Büste stehen, man darf dann auf leisen Sohlen seinen Ruheraum und Salons betreten, von einem führt eine Geheimtür in Ravels Bibliothek.

Schachbrettkacheln zieren den Boden, und auf den Kommoden, Borden und Tischen offenbart sich Ravels kindlicher Spieltrieb: Eine Anhäufung an Schächtelchen, Glaswaren, Figurinen, eine Vase mit antik griechischen Motiven, japanische Zeichnungen bilden ein alles andere als homogenes Interieur, trotzdem reibt sich hier nichts, da alles zusammen ein fragiles, zartes Gesamtkunstwerk ergibt.

Bewundern kann man auch sein Klavier, auf dem eine Glaskugel thront. In sie ist eine Pappmaché-Landschaft eingearbeitet, über der sich sogar die Wolken bewegen lassen. Neben dem Piano sein sehr aufgeräumter Arbeitstisch. Und natürlich gibt es auch ein Grammophon zu bestaunen, auf der noch eine leicht staubige Schellack-Platte mit der Aufnahme des Streichquartetts in F-Dur liegt, eines meiner Lieblingswerke des Komponisten.

Im unteren Stockwerk, abseits der zwar nicht belebten Straße, die aber durch das Kopfsteinpflaster damals trotzdem mächtig störend auf das schaffende Gemüt gewirkt haben dürfte, befinden sich Bad und Schlafzimmer, das ich aus Pietätsgründen nicht abgelichtet habe. Feucht sei es gewesen, sagt unsere Führerin, und alles andere als gesund, hier zu schlafen.

Dann schweift der Blick über seinen Garten in die Senke, am Horizont rechts erstreckt sich im leichten Dunst der Wald von Rambouillet. Die Ravel-Forscherin Colette Loubet-Durègne schreibt: „Er, der Dandy, der Mondäne, der Nachtschwärmer, liebte die Natur und vor allem die Gegend von Rambouillet mit ihrem Wald, den er in jeder Richtung und Jahreszeit Tag und Nacht durchstreift hatte und der schließlich für ihn kein Geheimnis mehr aufwies: Er hatte alle Gerüche eingesogen, jeden Baum erkannt, jede Pflanze und jedes Geflüster und die tausend flüchtigen Geräusche bemerkt: das Brummen der Insekten, das Quaken der Frösche, das Lachen des Waldkauzes, den Flug der Libellen, das Murmeln der Brise.“

Ravel komponierte auf seinen stundenlangen Spaziergängen, seine Wahrnehmungen flossen vor allem in die Oper „L‘Enfant Et Les Sortilèges“ ein. Doch wie übersetzte er diesen Wald, den er so liebte, in Töne? Nicht als lieblichen Ort. So, wie er im ersten Teil des Werks die Gegenstände im Haus lebendig werden ließ, sind es im zweiten die pflanzlichen und tierischen Bewohner: Gequälte Bäume, ein gefangenes Eichhörnchen, eine Libelle mit einem Flügel, getötete Fledermäuse und tanzende Frösche finden sich ein, um dem Protagonisten, einem bösen Kind zu zeigen, wie es sie verletzt hat. Der Wald als gigantische und dämonische Opernbühne.

Bis zuletzt hat Ravel, so berichteten übereinstimmend seine Freunde, trotz seiner mysteriösen Hirnerkrankung, vielleicht ausgelöst durch einen Unfall während einer Taxifahrt, seinen Wald von Rambouillet mit lebhaftem Schritt so oft er konnte durchquert. Für diesen Mann, dem es unmöglich wurde zu komponieren, der an chronischen Kopfschmerzen litt, an Erschöpfung und der Unfähigkeit, Töne und Rhythmen wiederzugeben, war dieser Wald am Horizont tatsächlich das letzte Refugium, das er im Leben hatte.

Und auf diesen Wald schallen nun seine Kompositionen hinaus: Junge Musikstudenten haben sich eingefunden, um zu seinem Geburtstag blechblasend vom Balkon und im Streichquartett aus seinem Schlafgemach bei offenem Fenster zu musizieren. Die Klänge aus dieser pittoresken, fast englisch anmutenden Parklandschaft habe ich noch im Kopf, als mich die pulsierende Metropole Paris schon längst wieder umfangen hat.

© Stefan Franzen

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Die schnellsten Hände der Welt


An Ostern startet das Festival Tamburi Mundi im E-Werk Freiburg in eine neue Ausgabe unter dem Motto „Simplicity“. Stargast ist der iranische Meistertrommel Mohammad Reza Mortazavi. Dem Mann aus Freiburgs Partnerstadt Isfahan, der schon lange in Berlin lebt, wird seit langer Zeit schon attestiert, er habe „die schnellsten Hände der Welt.“ Antworten von einem der führenden Perkussionisten unserer Zeit.

Mohammad, wer waren deine Lehrer, wem hast du am meisten zu verdanken, sowohl iranischen als auch internationalen Meistern?

Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu musizieren, und mein Hauptlehrer war Hosseinpour Abutaleb, wobei ich auch einige Zeit bei Majid Hesabi Unterricht hatte. Meine ersten Lektionen erhielt ich nach der üblichen, traditionellen Methode. Doch im Laufe der Jahre, nach über 40 Jahren Spielen, habe ich erkannt, dass mein wahrer und ewiger Lehrer die Musik selbst ist – und es immer sein wird.

Wie unterscheidet sich dein Spiel auf der Rahmentrommel von der traditionellen Spielweise? Kannst du zwei bis drei Beispiele geben, welche Innovationen du für Daf und Tombak entwickelt hast?

Wie beim Tombak hat sich auch mein Spiel auf der Daf verändert, denn alles hängt in erster Linie von der Sichtweise und Konzentration des Spielers ab. Da mein Fokus und meine Aufmerksamkeit seit meiner Kindheit auf der Musik und nicht nur auf dem Instrument lagen, hatte ich die Möglichkeit, ohne jeglichen Druck, neue Techniken zu entwickeln. Musik ist unbegrenzt, kann aber ein begrenztes Instrument in ihre Unendlichkeit integrieren. Ein Beispiel dafür ist das gleichzeitige Spiel von poly-rhythmischen und polyphonen Strukturen auf diesen Instrumenten.

Gibt es noch traditionelle Rhythmen als Basis deiner Stücke oder hast du dich vollständig von ihnen gelöst?

Natürlich habe ich keinen Dogmatismus, dass traditionelle Rhythmen unbedingt gespielt werden müssen. Doch wenn es nötig ist, und diese Rhythmen tief in mir verwurzelt sind, nutze ich ihre Schönheit. Es sei darauf hingewiesen, dass das, was heute neu ist, wenn es wirklich neu ist, eines Tages zur Tradition werden kann. Wenn das, was wir als Tradition definieren, tief in uns verankert ist, verändert es automatisch seine Form. Aus dieser Perspektive war Dogmatismus gegenüber traditionellen Regeln für mich niemals akzeptabel. Aus einer anderen Sicht ist Musik Liebe, und Liebe kennt keine Grenzen.

Hast du die Techniken oder auch die Instrument selbst weiter entwickelt, oder arbeitest du mit einem bestimmten Instrumentenbauer zusammen?

Aufgrund meiner inneren Leidenschaft seit der Kindheit und aus der Verbindung zwischen emotionaler Wahrnehmung und Ekstase habe ich viele Techniken entwickelt. Dieser Prozess entstand ganz natürlich, von selbst und gewissermaßen selbstverständlich. Ich arbeite nicht mit einem bestimmten Instrumentenbauer zusammen. Viele der Instrumente, die ich in den Arm nehme, sind wertvolle Geschenke von verschiedenen Instrumentenbauern. Jedes Instrument ist – wie jeder Mensch – einzigartig und gibt mir unterschiedliche Inspirationen und Ideen für das Komponieren und Spielen.

Du hast den Iran verlassen, weil dein Spiel gegen die Regeln war. Was genau kritisierte man an deinem Spiel?

Da meine Musik mich über Grenzen hinausgeführt hat, gab es einerseits ein Publikum, das sehr glücklich über die neue Spielweise war, die sich gerade entwickelte und im Prozess der Weiterentwicklung befand. Andererseits wurde ich gleichzeitig von den meisten traditionellen Musikern und Meistern kritisiert – bis hin dazu, dass ich keine Genehmigung für meine Konzerte erhielt. Das geschah, obwohl ich wiederholt den ersten Preis beim nationalen Musikfestival im Iran gewonnen hatte. Damals war ich noch ein Kind bzw. Jugendlicher. Meine heutige Sicht auf Musik hat keinerlei Bezug mehr zu Wettbewerb – für mich ist alles relativ geworden.
Wichtig ist, dass mein Hauptproblem nicht nur die Regierung war, sondern auch eben jene traditionellen Meister, die einerseits unter jungen Menschen einen Anspruch auf Aufgeklärtheit erhoben, andererseits jedoch das Wachstum und die Innovation von Künstlern behinderten, deren Wege sie nicht befürworteten.
Außerdem ist es wichtig zu erwähnen, dass vor der Islamischen Revolution bereits eine kulturelle Revolution stattfand, die nach der Islamischen Revolution von diesen Künstlern unterstützt wurde. Doch Gesellschaft und Geschichte sind wach. Letztendlich bin ich sehr dankbar für all diese negativen Kritiken und für das Ausgeschlossenwerden in der Zeit, als ich im Iran lebte, denn genau das führte zu meiner Weiterentwicklung und zur Formung meines eigenen Spielstils – bis zu dem Punkt, an dem ich den Iran sowohl physisch als auch innerlich verlassen habe.

Was war das Wichtigste, was du nach deiner Emigration im Westen gelernt hast für die Weiterentwicklung deiner Musik?

Dass es überall Grenzen gibt und das Verständnis, dass Musik die vollkommenste Sprache ist.


Das Stück „Zendegi“ auf deiner neuen CD „Nexus“ („Verbindung“) ist inspiriert von der Frauenbewegung „Woman. Life, Freedom“. Es hat eine eher dunkle Atmosphäre. Erinnerst du damit an die mutigen Frauen?

Dieses Stück habe ich zu der Zeit komponiert, als diese Bewegung entstand, aber ich habe es nicht veröffentlicht, bis es mit dem Konzept des Albums „Nexus“ in Einklang stand.

Auch andere Stücke sind eher dunkel, wie zum Beispiel „Cendres Volantes“, wo im Hintergrund seufzende Frauenstimmen zu hören sind. Was war die Inspiration für dieses Stück?

Dieses Stück habe ich für einen Teil einer Oper in Frankreich komponiert, für eine Szene, die sich von Dunkelheit ins Licht bewegen sollte.

Die Musik ist teilweise experimentell und auch elektronisch gestützt. Wie lässt sich das auf der Bühne umsetzen? Arbeitest du mit einer Loop-Station?

Zurzeit komponiere ich meine Werke im Multitrack-Verfahren und akustisch-elektronisch. Auf der Bühne werden sie jedoch nur als Solo aufgeführt, und alle Klänge und Effekte werden direkt über das Instrument erzeugt.

In „Dornâ“ setzt du auch Geräusche der menschlichen Stimme ein, wie ein Schnarchen und Hauchen. Was steckt hinter diesem Stück?

In diesem Stück hat mich das Hören über Kopfhörer nach der Aufführung in einen Zustand von Geheimnis und Mysterium versetzt. Dieser Vogel vermittelt mir genau dieses Gefühl.

Das CD-Cover von Jordan Belson sieht sehr nach Science Fiction aus, was für mich sehr gut zu deiner Musik passt. Würdest du sagen, du bist ein „Trommelfuturist“?

Ich fühle mich glücklich darüber, dass mein Stil einen tiefen Einfluss auf unzählige Musiker auf der ganzen Welt hatte. Denn Liebe bedeutet Geben.

Glaubst du, dass sich für den Iran nach der Intervention der USA und Israel eine neue Perspektive eröffnen kann, und wie könnte diese aussehen?

Ich glaube, dass gemäß dem Gesetz der Proportionalität die iranische Gesellschaft nicht mehr zu ihrer Regierung passt, und ich bin sehr optimistisch, dass die Menschen eine positive Veränderung erleben werden. Die iranische Gesellschaft ist mehr als zuvor gewachsen, und ein Diktator passt nicht mehr zu ihr.

tamburimundi.com

Auf der Suche nach Frieden


Souad Massi
Zagate
(Backing Track/Galileo)

Gleicher Produzent, aber verändertes Rezept: Bereits vor vier Jahren arbeitete die Franko-Algerierin Souad Massi für das Album Sequana mit Justin Adams. Der Brite hat auch das neue Werk unter seiner Pultfuchtel, doch Zagate ist vor allem in der rhythmischen Ausgestaltung wuchtiger angelegt. Zum Intro gibt es ein Kuti-Riff, über dem sich eine heisere Schalmei erhebt, in „Congo Connection“ erhebt sich zu kantigen Gnawa-Beats die Stimme des kongolesischen Rappers Youssoupha. Ruppigen Berber-Rock gibt es im Titelstück mit viel Gitarren-Testosteron, eine zornige Anklage an alle Kriegstreiber – wie überhaupt viele der Tracks sich auf die Seite der Friedenssuchenden in einer verfinsterten Welt schlagen.

Die arabischen Färbungen kommen nicht zu kurz: Oud und Flöten sind organisch eingebettet in die Band. Ein klangliches Highlight ist der schnurrende Viola D’Amore-Sound des Tunesiers Jasser Haj Youssef in einer beeindruckenden Friedens-Rezitation des arabo-andalusischen Philosophen Ibn Ruschd. Und in ein paar stillen Momenten rekurriert Massi in ihre folkige Frühzeit, etwa mit der wunderbaren Ballade „Tili“, bevor sie im Auslauf der Scheibe zu einem galoppierenden Electro-Rock à la française ausreitet.

© Stefan Franzen

Radiotipp: Die Mondfrau sang im Boote

SWR Musikstunde
Die Mondfrau sang im Boote – musikalische Annäherungen an Else Lasker-Schüler
23. – 27.03.2026, 9h05-10h

Lyrikerin und Liebende, Performance-Künstlerin und Pionierin der Autorinnenrechte, Orientbegeisterte und Heimatliebende, Vertriebene, selten Gefeierte und viel Geschmähte: Die Biographie von Else Lasker-Schüler (1869-1945) ist genauso schillernd wie erschütternd. Ihre klang- und machtvollen Verse allein sind bereits Musik.

Keine Dichterin der deutschen Sprache ist – in buchstäblich allen musikalischen Sparten – öfter vertont und gesungen worden – von bekannten Namen wie Paul Hindemith und Friedrich Hollaender über André Previn bis Katja Ebstein, aber auch von selten gehörten Tonschöpfern wie Wilhelm Rettich, Erich Walter Sternberg oder Gil Shohat.

Unter musikalischen Vorzeichen folge ich in der SWR Musikstunde dem wechselvollen Weg der „größten Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ (Gottfried Benn) von Elberfeld nach Berlin und schließlich ins Schweizer und Jerusalemer Exil.

Die Sendungen werden jeweils am gleichen Abend um 23h wiederholt und stehen nach der Ausstrahlung ein Jahr lang in ARD Sounds zum Abrufen bereit.

Arash Safarian: „Styx“ (Else Lasker-Schüler)
Quelle: youtube

 

Nachlese Ohren auf Weltreise – Westafrika

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich möchte mich bei allen bedanken, die am Samstag und Sonntag bei „Ohren auf Weltreise – Westafrika“ physisch oder auch im Geiste dabei waren und für einen wunderbaren Abend gesorgt haben.

Ganz besonders danke ich meinen beiden grandiosen Gästen, Amy Sacko und Bassekou Kouyaté aus Mali, sowie allen, die uns technisch und logistisch betreut haben.

Wir hatten im Kommunalen Kino Freiburg – und im Foyer der Reithalle Offenburg nahezu – wieder volles Haus. Die Reihe wird mit weiteren Themen, neuen Gästen und an verschiedenen Orten fortgesetzt!

Vielen Dank für zusätzliche Bilder an Albert Josef Schmidt von Zerofoto (1,5,6,8,9) Jürgen Haberer (2) und Norbert Hausen (7).