
Heute vor 12 Jahren startete ich diesen Blog und laut Zähler ist dieser Beitrag der Tausendste.
Seit 2014 hat sich die Welt, auch die musikalische in vielerlei Hinsicht verändert, und das leider nicht zum Besseren.
Pandemie, der Überfall Russlands auf die Ukraine, Kriegsverbrecher an der Macht in vielen Staaten, eine greifbare Bedrohung durch Klimawandel und KI, und vor allem das erschreckende Wiedererstarken der Faschisten auch in Deutschland mit jenem nur ganz zäh anlaufenden Verbotsverfahren: Über Musik zu schreiben, scheint heutzutage angesichts all dieser Szenarien ein Luxus. Oder?
Ich meine: nein. Kein Luxus, sondern notwendiger denn je. Für die Achtung kultureller Vielfalt zu kämpfen, ist in Deutschland nicht erst seit den jüngsten Landtagswahlen eine der dringlichsten Aufgaben geworden. Gerade auch auf einem Blog wie diesem, weil öffentlich-rechtliche Radiosender und Tageszeitungen die Nischenthemen – teils ökonomisch bedingt, teils ohne Not – zusammenkürzen, Marginales noch mehr an den Rand drängen. Wie bunt und kosmopolitisch es in der deutschen Szene zugeht, zeigen zwei Neuveröffentlichungen aus dem eigenen Land.
Keshavara
Moondram Sevi
(Papercup Records)
Köln und der Krautrock – das ist ein reichhaltiges Kapitel der Musikgeschichte, das nun auf Umwegen weitererzählt wird: Im Sound der Combo Keshavara um den Bandleader Keshav Purushotham fließen nämlich neben den psychedelischen Komponenten auch Dub-Strukturen, SciFi und Global Disco mit ein. Moondram Sevi ist bereits das vierte Werk aus der Indo-Cologne-Schmiede und entzückt mit fedrig fließenden Bassläufen, locker aus dem Handgelenk geschüttelter Snare-Drum und schwülen Wah-Wah-Analog-Keyboards. Das zwischendurch auch mal deutsche Lyrics aufblitzen, mehrt den Spaß: In diesen Passagen fühlt man sich dann, als hätten sich die Jungs von Kraftwerk ein paar Flower-Power-Girlanden umgehängt.
Keshavara: „Oracular“
Quelle: youtube
Maxjoseph
Lagom
(maxjoseph.de)
Bayrische Volksmusik muss nicht peinlich sein. Maxjoseph heißt die schönste Art, Bayerns Brauchtumspflege auf höchstes kammermusikalisches Niveau zu heben, haben ihr viertes Album Lagom (maxjoseph.de) fertig. Mit Geige, steirischer Harmonika, Gitarre und Tuba erzeugen die vier jungen Münchner einen fulminanten Flow, der volksmusikalische Leichtigkeit mit Tupfen von Jazzharmonik und komplexem Aufbau paart. Diese Musik hat so viel Seele: Wie die Geige in „Naragonia“ singt! Wie sich die Kollegen für die feinen Gitarrenläufe in „Tela“ schön zurücknehmen! Wie volltönender Balg und Geigen-Flageolett in „Gaach“ eine herrliche Schichtung abgeben! Zudem hat das Quartett die Gabe des klingenden Bilderreichtums: Im kratzenden Geigenbogen und der Tuba-Melodie kann man tatsächlich den „Rübezahl“ erkennen, und „Panzerotti“ bildet die Süße des gleichnamigen Gebäcks verlockend ab.
© Stefan Franzen





















